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INTERVIEW MIT STEFAN KÜPPERS, WESTNETZ

INTERVIEW MIT STEFAN KÜPPERS, WESTNETZ

“KRISENMANAGEMENT IST FÜR UNS EINE ROUTINEAUFGABE”

Essen (energate) – In Krisenzeiten stellt sich auch die Frage nach dem Zustand der kritischen Infrastrukturen. Stefan Küppers ist Vorsitzender des Forums Netztechnik/Netzbetrieb im VDE (VDE/FNN) und Geschäftsführer des Verteilnetzbetreibers Westnetz. Krisenmanagement gehöre nach seiner Aussage zum täglichen Geschäft der Netzbetreiber, erläuterte er im Interview mit energate.

energate: Herr Küppers, wie haben die Netzbetreiber auf die Coronakrise reagiert?

Küppers: Wir als Westnetz und auch andere große Netzbetreiber waren gut vorbereitet, da wir zum einen durch die Situation in China vorgewarnt waren. Zum anderen haben wir seit Jahren Pandemie-Pläne in der Schublade. Zweimal im Jahr führen wir eine Krisenübung durch. Erst im Februar haben wir eine Pandemiesituation simuliert. Krisenmanagement ist für uns als Netzbetreiber eine Routineaufgabe. Bei großen Versorgungsunterbrechungen, also zeitlich und/oder regional sehr großen Unterbrechungen, wird ein Notfallstab beziehungsweise Krisenstab aktiviert, der die Lage erfasst und bewertet, die Prioritäten in der Bearbeitung setzt und gegebenenfalls auch zusätzliche Fremdleistungen und Ressourcen aktiviert. Solch ein Krisenmanagement kommt beispielsweise bei Stromausfällen durch Herbststürme formal oder informell häufiger zum Tragen. Bei einer Pandemie ist es vor allem wichtig, die Mitarbeiter in den kritischen Bereichen Netzleitwarte und operativer Betrieb zu schützen.

energate: Wie sieht es bei kleineren Netzbetreibern aus?

Küppers: Je größer ein Netzbetreiber ist, desto professioneller kann er nach meiner Beobachtung mit der Situation umgehen. Kleinere Netzbetreiber haben oft keinen eigenen Krisenstab, sondern organisieren die Krise im Rahmen ihrer Betriebsorganisation. Das Forum Netztechnik/Netzbetrieb im VDE hat Netzbetreibern grundsätzlich und für die Coronakrise speziell Informationen bereitgestellt. Dazu gehört etwa, wie man ein Krisenmanagement aufbauen oder verbessern kann, welche Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen zu beachten sind und wie die Separierung von Mitarbeitern gelingen kann. Bislang sind mir speziell vonseiten der großen Netzbetreiber kaum Probleme oder Ausfälle im Zusammenhang mit der Coronakrise bekannt. Das spricht zum einen für die gute Organisation der Netzbetreiber, zum anderen auch für das hohe Verantwortungsbewusstsein der einzelnen Mitarbeiter, die wissen, dass sie in einem systemkritischen Beruf arbeiten.

energate: Haben Sie als Westnetz auch eine Isolierstation eingerichtet?

Küppers: Wir bei Westnetz haben wie auch die anderen Netzgesellschaften im ganzen Eon-Konzern ein mehrstufiges Konzept erarbeitet. Die letzte Stufe des Notfallkonzepts sieht dabei auch eine “Kasernierung” vor. Bislang waren wir aber weit davon entfernt, darauf zurückgreifen zu müssen.

energate: Hatten Sie denn Mitarbeiter in Quarantäne?

Küppers: Von unseren 5.800 Mitarbeitern waren zeitweilig bis zu 330 in Quarantäne, davon allerdings nur wenige Mitarbeiter aus den Leitstellen oder dem Netzbetrieb. Die meisten davon konnten vom Homeoffice aus weiterarbeiten. Die hohe Zahl ist darin begründet, dass wir nach dem Auftreten der ersten Fälle in unserer Belegschaft sehr restriktiv waren. So haben wir alle Mitarbeiter, die im Urlaub waren, vorsorglich für 14 Tage in Quarantäne geschickt – und zwar unabhängig von den Urlaubsgebieten. Als ein Mitarbeiter mit Kundenkontakt im Umkreis von Heinsberg an Corona erkrankte, haben wir ab dem 15. März alle geplanten Kundenkontakte gestoppt, etwa Zählerwechsel oder die Umstellungen von Heizungen im Zuge der Marktraumumstellung. Entstörungen liefen weiter, die entsprechenden Mitarbeiter wurden mit Schutzausrüstung ausgestattet.

Seit Montag, dem 20. April fahren wir die geplanten Kundenkontakte wie etwa Zählerwechsel wieder hoch – natürlich unter klarer Berücksichtigung der geltenden Vorsichtsmaßnahmen. Das heißt, wir informieren die Kunden, dass wir kommen und befragen zu möglichen Infektionen. Bei infizierten Patienten oder wenn die Mitarbeiter aus irgendeinem Grund die Abstandsregelungen nicht einhalten können, benutzen sie eine Maske und bieten dem Kunden einen Mund-Nase-Schutz an. Auch die Hygieneregeln werden sorgfältig eingehalten.

energate: Was bedeutet die Coronakrise für die Einnahmen der Netzbetreiber?

Küppers: Hier gibt es aktuell noch keine eindeutige Antwort. Wir beobachten Rückgänge bei der Energiemenge in den Strom- und Gasnetzen. Das wird auch zu Erlösrückgängen in diesem Jahr führen. Beim Gas sind die Rückgänge saison- und temperaturbereinigt nur sehr gering. Der Gesamtstromverbrauch ist vor Ostern um rund 5 Prozent gesunken. Während die Industriekunden weniger abnahmen, verbrauchten die Haushaltskunden etwas mehr Strom. Die Leistungsverteilung über den Tag ist nun anders, die Spitzen sind nicht so extrem wie sonst.

energate: Was bräuchte es, sollte sich die Lage doch noch verschlimmern?

Küppers: Je ernster die Lage wird, desto mehr benötigen wir einheitliche Regelungen und keinen föderalen Flickenteppich. Wir brauchen zum Beispiel bundeseinheitliche Prozesse für den Zugang zu unseren Anlagen. Sollten einzelne Bundesländer Ausgangssperren verhängen, muss es für unsere Netzmitarbeiter im operativen Betrieb Ausnahmen hierfür geben. Bei Westnetz haben wir 2.000 Mitarbeiter vorsorglich mit Dokumenten ausgestattet, die bestätigen, dass diese im Bereich der kritischen Infrastrukturen arbeiten und Zugang zu unseren Anlagen benötigen. Zudem müssen unsere Mitarbeiter auch Schutzausrüstung wie Masken in ausreichender Menge bekommen. Bislang sind diese nicht ausreichend vorhanden. /sd

Die Fragen stellte Stefanie Dierks, energate-Redaktion Essen.